Die Zahl auf dem Netzteil ist nicht dein Verbrauch
„Ich habe ein 850-Watt-Netzteil“ – und schon steht die Zahl im Raum, die angeblich die Stromrechnung erklärt. Sie tut es nicht. Ein Netzteil ist keine Heizung, die durchläuft, sondern eine Obergrenze. Was tatsächlich durch den Zähler geht, bestimmen die Bauteile, die gerade arbeiten.
Der Unterschied ist erheblich. Ein Rechner mit 850-Watt-Netzteil zieht beim Surfen vielleicht 60 Watt und beim Spielen 480. Wer mit der Netzteilgröße rechnet, kommt auf das Doppelte des echten Werts – und wer nur die Grafikkarte betrachtet, auf zu wenig.
Dieser Text rechnet den Fall einmal ordentlich durch, mit den Werten heute verkaufter Bauteile.
Woraus sich der Verbrauch zusammensetzt
Drei Posten, und der dritte wird meistens vergessen:
- Grafikkarte. Der größte Posten, beim Spielen mit Abstand. Aktuelle Karten liegen zwischen 145 Watt (Einsteigerklasse) und 575 Watt (Spitzenmodell).
- Prozessor. Zwischen 65 und 170 Watt, je nach Modell – und beim Spielen selten voll ausgelastet.
- Der Rest. Mainboard, Arbeitsspeicher, SSD, Lüfter, Wasserkühlung: zusammen rund 60 Watt, die in keiner Herstellerangabe auftauchen.
Dazu kommt der Netzteilverlust. Ein Netzteil wandelt Wechselstrom in Gleichstrom, und dabei geht ein Teil als Wärme verloren. Ein Gerät mit 90 Prozent Wirkungsgrad muss 478 Watt aus der Dose ziehen, damit im Rechner 430 ankommen.
Drei Rechner, ab Steckdose gemessen
| System | Prozessor | Grafikkarte | Rest | Ab Steckdose |
|---|---|---|---|---|
| Einsteiger | 65 W | 145 W | 60 W | 318 W |
| Mittelklasse | 120 W | 250 W | 60 W | 478 W |
| High-End | 170 W | 575 W | 60 W | 875 W |
Im Leerlauf – Browser, Musik, Textverarbeitung – liegen dieselben Rechner bei 45, 60 und 85 Watt. Das ist der Wert, der zählt, wenn der Rechner nebenher läuft, ohne dass gespielt wird.
Was das im Jahr kostet
Die Formel ist simpel und funktioniert mit jedem Tarif:
Watt ÷ 1000 × Stunden pro Tag × 365 × Preis je kWh = Euro pro Jahr
Die folgende Tabelle rechnet mit 25 Cent je Kilowattstunde. Das ist eine Annahme, kein Marktpreis – setze deinen eigenen Tarif ein, die Verhältnisse bleiben gleich. Angenommen sind außerdem zwei bis vier Stunden Leerlaufbetrieb zusätzlich zur Spielzeit.
| System | 1 h/Tag | 3 h/Tag | 5 h/Tag |
|---|---|---|---|
| Einsteiger | 37 € | 99 € | 162 € |
| Mittelklasse | 55 € | 147 € | 240 € |
| High-End | 95 € | 263 € | 430 € |
Zwischen dem sparsamsten und dem teuersten Fall liegen knapp 400 Euro im Jahr. Das ist kein Rundungsfehler, sondern die Größenordnung eines zusätzlichen Haushaltsgeräts – und es entscheidet sich nicht am Netzteil, sondern an der Grafikkarte und an der Spielzeit.
Der Monitor zählt mit – und läuft länger
In keiner dieser Zahlen steckt der Bildschirm, und das ist ein systematischer Fehler in fast allen Verbrauchsrechnungen. Ein 27-Zoll-Monitor zieht je nach Helligkeit und Technik 25 bis 45 Watt, ein großes gebogenes Modell auch mehr.
Entscheidend ist dabei weniger der Wert als die Laufzeit: Der Rechner wird zum Spielen eingeschaltet, der Monitor läuft oft den ganzen Arbeitstag. Bei 35 Watt und neun Stunden täglich sind das 29 Euro im Jahr – bei zwei Bildschirmen knapp 58. Wer den Monitor stattdessen rund um die Uhr laufen lässt, zahlt 77 statt 29 Euro.
Das ist derselbe Betrag, den weiter unten die vielbeschworene Netzteilklasse einspart, nur ohne jede Investition.
Über fünf Jahre gerechnet
Interessant wird es, wenn man die Betriebskosten neben den Anschaffungspreis legt. Bei fünf Stunden Spielzeit täglich und über fünf Jahre:
- Einsteiger-System: rund 810 Euro Strom
- High-End-System: rund 2.150 Euro Strom
Die Differenz von etwa 1.340 Euro ist mehr, als eine Mittelklasse-Grafikkarte heute kostet. Wer also beim Neukauf zwischen zwei Leistungsklassen schwankt, entscheidet nicht nur über den Kaufpreis, sondern über einen zweiten, verdeckten Betrag in ähnlicher Größenordnung.
Das ist kein Argument gegen leistungsfähige Hardware – wer die Bilder pro Sekunde braucht, braucht sie. Es ist ein Argument dafür, den Posten überhaupt zu kennen, bevor man ihn fünf Jahre lang bezahlt.
Der überschätzte Hebel: der Wirkungsgrad
Hier wird es interessant, weil das Ergebnis dem gängigen Ratschlag widerspricht.
Ein Netzteil mit Gold-Zertifikat arbeitet mit rund 90 Prozent Wirkungsgrad, ein Bronze-Gerät mit etwa 85. Der Aufpreis beträgt je nach Modell 20 bis 40 Euro. Gerechnet für die Mittelklasse bei drei Stunden Spielzeit täglich:
- mit Gold-Netzteil: 147 Euro im Jahr
- mit Bronze-Netzteil: 155 Euro im Jahr
Der Unterschied sind knapp acht Euro pro Jahr. Der Aufpreis für das bessere Netzteil hat sich also nach drei bis fünf Jahren amortisiert – vorausgesetzt, das Gerät wird so lange behalten. Ein Gold-Netzteil ist eine gute Wahl, aber aus anderen Gründen: leiserer Lüfter, bessere Bauteile, längere Garantie. Als Sparmaßnahme taugt es kaum.
Was wirklich etwas bringt
Zwei Maßnahmen kosten nichts und wirken stärker als jede Hardware-Entscheidung. Wieder gerechnet für die Mittelklasse, drei Stunden täglich:
- Bildrate begrenzen. Wer die Bildrate auf die Wiederholrate seines Monitors deckelt, senkt die Auslastung der Grafikkarte in vielen Spielen um ein Drittel – ohne sichtbaren Unterschied, weil der Monitor die zusätzlichen Bilder ohnehin nicht darstellt. Ersparnis: rund 23 Euro im Jahr.
- Den Rechner ausschalten, statt ihn laufen zu lassen. Zwei Stunden Leerlauf weniger pro Tag sparen rund 11 Euro im Jahr.
Beides zusammen ist mehr als der Unterschied zwischen zwei Netzteilklassen – und es ist sofort wirksam, ohne etwas zu kaufen.
Die dritte Möglichkeit heißt Undervolting: Die Grafikkarte bekommt bei gleicher Taktrate weniger Spannung. Das spart je nach Modell 10 bis 20 Prozent, erfordert aber Einarbeitung und muss pro Karte einzeln erprobt werden – zwei baugleiche Karten vertragen unterschiedlich viel.
Ein Nebeneffekt, der in der Stromrechnung nicht auftaucht, aber im Alltag mehr zählt: Jedes eingesparte Watt ist auch ein Watt weniger Abwärme. Der Lüfter dreht langsamer, der Raum heizt sich weniger auf. Wer im Sommer schon einmal neben einem Rechner unter Volllast gesessen hat, weiß, dass 875 Watt keine abstrakte Größe sind – das ist die Leistung eines kleinen Heizlüfters, und sie landet vollständig im Zimmer.
Die eigene Zahl statt der Tabelle
Die Werte oben sind Rechenbeispiele mit heute verkauften Bauteilen. Deine Zahl hängt an deinen Teilen, deinem Nutzungsverhalten und deinem Tarif.
Für den ersten Teil – wie viel Watt dein konkretes System tatsächlich zieht – gibt es einen Netzteilrechner, der Prozessor und Grafikkarte einzeln aufschlüsselt und den Verbrauch samt Reserve ausgibt. Den Rest erledigt die Formel weiter oben.
Und wenn du es genau wissen willst, gibt es die ehrlichste Methode ohnehin für unter zwanzig Euro: ein Energiekostenmessgerät zwischen Steckdose und Rechner. Eine Woche messen schlägt jede Tabelle, auch diese.
Zum Nachschlagen: Die Wirkungsgradstufen der Netzteile sind im 80-PLUS-Programm definiert, das die Prüfwerte für Bronze, Gold und Platin öffentlich festlegt. Wer wissen will, wie sich Strompreise in Österreich zusammensetzen, findet die Aufschlüsselung beim Regulator E-Control.